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Stalinismus: Die rote Fahne des Kapitals

Traducido por los compañeros de Panopticon

Einleitung

Der Inhalt dieser Broschüre erscheint uns für diejenigen von uns, die diese Welt radikal umstürzen wollen, unerlässlich. Wir sind davon überzeugt, dass die soziale Energie zur Verleugnung und Überwindung des Kapitalismus immer stärker werden wird. Damit diese soziale Energie aber fruchtbar wird, ist es wichtig, sie mit dem historischen Programm der Revolution und des Kommunismus zu verbinden. Und dadurch das Terrain der Revolution von dem der Konterrevolution abzugrenzen. Diese Broschüre ist den theoretischen, politischen und historischen Ursprüngen der wichtigsten Konterrevolution des 20. Jahrhunderts gewidmet, die wir bequemerweise Stalinismus nennen. Der Name ist problematisch. Wenn wir von Stalinismus sprechen, beziehen wir uns nicht auf die Handlungen einer Person, Stalin, einer Art Superschurke, sondern auf ein politisches und praktisches Programm, das die Grundlagen des Kommunismus als echte Bewegung leugnete und alle Begriffe umkehrte. Internationalismus wurde durch Sozialismus in einem Land und Klassenunabhängigkeit durch Interklassismus1 ersetzt. Das kommunistische Ziel, eine klassen- und staatenlose Gesellschaft, wurde unter den Trümmern einer kapitalistischen ursprünglichen Akkumulation und einer Entschuldigung für Akkordarbeit hinweggefegt. Mit der stalinistischen Konterrevolution erleben wir ein wahres Lexikon der politischen Trickserei (Léxico de la truhanería política)2, wie Munis es ausdrückte. Alle Begriffe der Revolution und unserer historischen Bewegung wurden in ihr genaues Gegenteil verwandelt. Deshalb ist es so wichtig zu verstehen, was wir meinen, wenn wir von Kommunismus und menschlicher Befreiung sprechen. Der Kommunismus ist eine echte Bewegung und nicht eine Idee unter anderen, die die materiellen und kategorischen Grundlagen der Welt des Kapitals leugnet. Der Kommunismus ist die Bejahung der menschlichen Weltgemeinschaft, einer Gemeinschaft ohne Geld und Waren, ohne Staat und ohne soziale Klassen. Dies wurde auf der Grundlage der historischen Erfahrung unserer Klasse und des rigorosen Studiums der Gesellschaft des Kapitals durch unsere historische Partei, ausgehend von Marx, bekräftigt. Der Kommunismus als Weltgesellschaft erfordert eine politische Zwischenphase, die unsere Gefährtinnen und Gefährten die Diktatur des Proletariats nannten. Die Klassendiktatur ist die Gewalt, die das als Klasse und Partei konstituierte Proletariat gegen das Kapital und seine Kategorien sowie gegen die Bourgeoisie als Klasse ausübt. Die Existenz einer Klassengesellschaft bringt immer die Vorherrschaft einer Klasse über eine andere, einer Produktionsweise über die Bestätigung einer anderen mit sich. Diese Klassengewalt ist grundlegend und steht im Einklang mit dem Endziel des Kommunismus. Deshalb besteht das grundlegende Ziel der Diktatur des Proletariats darin, den revolutionären Prozess auf Weltebene auszuweiten, nationale Grenzen zu überwinden, die Kommodifizierung und den Einfluss des Kapitals auf die Gesellschaft so weit wie möglich zu reduzieren, den Arbeitstag zu reduzieren, den bewussten Protagonismus des Proletariats in der Ausübung seiner eigenen Diktatur auszudrücken… Antagonistische Realitäten, die im Gegensatz zu dem standen, was die stalinistische Konterrevolution behauptete, die den Nationalismus, die Verteidigung der russischen Grenzen als „revolutionäres“ Bollwerk, die Unterwerfung des Proletariats unter höllische Arbeitszeiten im Namen des Aufbaus des Sozialismus, in Wirklichkeit des russischen Staates und der kapitalistischen Industrie, und die physische Vernichtung von Millionen von Proletariern auf der ganzen Welt bekräftigte.

Deshalb ist der Marxismus eine Doktrin über die Konterrevolution. Denn es ist wichtig, Emanzipation von Ausbeutung, Kommunismus von Kapitalismus zu unterscheiden, wenn wir diese katastrophale Welt überwinden wollen, die an ihre inneren Grenzen stößt und das Aussterben unserer Spezies bedroht. Unsere Gefährtinnen und Gefährten, die sich in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, als es die Mitternacht im Jahrhunderts war, die Aufgabe gestellt haben, sich von der Konterrevolution abzugrenzen, sahen die zwingende Notwendigkeit, unsere Theorie doktrinär zu rekonstruieren, zu ihren ursprünglichen Grundlagen zu gehen, um zu zeigen, dass der Stalinismus die konterrevolutionäre Negation unserer Doktrin ist. Er ist kein Kind von uns, weder legitim noch illegitim. Er ist die totale Negation unserer grundlegenden, theoretischen und materiellen Fundamente – man denke nur an die stalinistischen Massaker an echten Revolutionären). Auf diesen Seiten werden wir versuchen, die wichtigen Kämpfe zu rekonstruieren, die unsere Gefährtinnen und Gefährten gegen diese große Lüge führen werden, gegen diese verwirrende Lüge, die der Stalinismus war und heute in viel geringerem Maße ist, um das wichtige Buch von Anton Ciliga zu paraphrasieren.

Wir leben in turbulenten Zeiten, interessanten Zeiten. Es sind Zeiten der Katastrophe und Zeiten der Hoffnung auf eine neue Welt, die entstehen kann. Wir haben Beweise dafür, und zwar nicht nur negativer Natur. Es sind nicht nur die negativen Beispiele von Krieg, Klimawandel oder ökonomischen Krisen, die immer dramatischer werden. Wir sprechen auch von sozialen Umwälzungen überall und von den materiellen Möglichkeiten, heute in einer kommunistischen Gesellschaft zu leben. Der Kapitalismus negiert sich selbst. Der Hauptgrund für seine Krise ist, dass er immer weniger in der Lage ist, die Gesellschaft an die miserablen Zeiten seines gesellschaftlichen Maßes, des Tauschwerts und der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, zu ketten. Schon heute wäre es möglich, global in einer Gesellschaft zu leben, in der die Arbeitszeit minimal wäre und die gesellschaftliche Produktion rationell und kostenlos verteilt würde, ohne Geld- oder Warenvermittlungen. Es sind der Kapitalismus und seine Widersprüche, die den Kommunismus zu einem realen Ziel machen und nicht zu einer idealen oder bloß moralischen Utopie, zu einem Don Quichotte-Abenteuer, wie Marx in Grundrisse sagte.

Entscheidend für die Bewegungen der zukünftigen sozialen Polarisierung ist, dass sie sich das historische Programm der Vergangenheit wieder aneignen, um die Praxis umzukehren, zu der der Kapitalismus uns verdammt. Der Kommunismus als wirkliche Bewegung verlangt, mit dieser kapitalistischen Praxis zu brechen, mit dem Warenfetischismus zu brechen, an einem bestimmten Punkt den kommunistischen Kopf und die bewussten Ziele ans Ruder zu setzen. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit der vergangenen Konterrevolution so wichtig, und das umso mehr, als wir als weiteren der gegenwärtigen positiven Anlässe eine neue Generation sehen, die sich mit den vergangenen Debatten unserer Klasse auseinandersetzt. An sie richtet sich dieser Text in erster Linie. In sozialen Netzwerken oder in Diskussionen auf der Straße ist oft von einer Internationalen Kommunistischen Bewegung (IKB) die Rede. Was wäre diese IKB? Eine nominalistische Vereinigung, bei der ein gemeinsamer Name ausreicht, um uns alle mehr oder weniger zu nahen Verwandten zu machen. Wir sagen ein klares NEIN zu dieser Union Sacree. Wir sprechen ein klares Nein aus. Und das ist der Vektor, der diese Broschüre bewegt. Die Revolution von der Konterrevolution zu unterscheiden. Zu verstehen, mit Nachdruck zu spüren, dass der Stalinismus in seinen vielfältigen Versionen – vereint durch das Programm des nationalen „Kommunismus“, das Bündnis mit der Bourgeoisie und den faktischen Aufbau des Staatskapitalismus – ein Todfeind der Revolution und der Kommunisten ist, ein legitimes Kind der Welt des Kapitals. Und das Kapital, in welcher Form auch immer, bekämpfen wir erbarmungslos und mit aller Kraft. Deshalb gibt es kein Wir, sondern einen radikalen Antagonismus, den Antagonismus zwischen Bourgeoisie und Proletariat, zwischen Revolution und Konterrevolution, zwischen Kapitalismus und Kommunismus. In diesem Sinne ist unsere Kritik an der Konterrevolution keine Form des Anti-Stalinismus im üblichen Sinne, sondern sie erfolgt aus einem kompromisslosen Kommunismus heraus.

Die Prinzipien der Konterrevolution

Sozialismus in einem Land

Diese theoretische „Innovation“ Stalins wurde zur theoretischen Achse, um die sich die stalinistische Konterrevolution drehte und die bis heute anhält. Die Idee, dass der Sozialismus in einem einzigen Land aufgebaut werden kann, noch dazu mit einem rückständigen und ungleichen Kapitalismus wie dem russischen vor hundert Jahren. Eine Position, die sich radikal von der von Marx oder Engels unterscheidet – von der Kritik des Gothaer Programms bis zum Anti-Dühring -, die argumentiert hatten, dass der Kommunismus, ob in seiner niederen oder höheren Phase, eine Gesellschaft ohne soziale Klassen und den Staat, ohne Warenvermittlung zwischen Produktion und Verteilung der Produkte, ohne Geld voraussetzt. Vor dieser Phase, nach dem Triumph einer Revolution in einem bestimmten Gebiet, herrscht die politische Diktatur des Proletariats mit dem Ziel, sich weltweit auszudehnen, um den Kapitalismus zu zerstören und die Kräfte der kommunistischen Gesellschaft freizusetzen. Marx war sich über den Gegensatz zwischen nationalem Sozialismus und Kommunismus immer sehr im Klaren. Zum Beispiel sagte er in der Kritik des Gothaer Programms und in Bezug auf Lassalle:

Lassalle hatte, im Gegensatz zum Kommunistischen Manifest und zu allem früheren Sozialismus, die Arbeiterbewegung vom engsten nationalen Standpunkt gefaßt. Man folgt ihm darin – und dies nach dem Wirken der Internationalen!

Es versteht sich ganz von selbst, daß, um überhaupt kämpfen zu können, die Arbeiterklasse sich bei sich zu Haus organisieren muß als Klasse, und daß das Inland der unmittelbare Schauplatz ihres Kampfs. Insofern ist ihr Klassenkampf, nicht dem Inhalt, sondern, wie das Kommunistische Manifest sagt, „der Form nach“ national. Aber der „Rahmen des heutigen nationalen Staats“, z.B. des Deutschen Reichs, steht selbst wieder ökonomisch „im Rahmen des Weltmarkts“, politisch „im Rahmen des Staatensystems“. Der erste beste Kaufmann weiß, daß der deutsche Handel zugleich ausländischer Handel ist, und die Größe des Herrn Bismarck besteht ja eben in seiner Art internationaler Politik.

Und worauf reduziert die deutsche Arbeiterpartei ihren Internationalismus? Auf das Bewußtsein, daß das Ergebnis ihres Strebens „die internationale Völkerverbrüderung sein wird“ – eine dem bürgerlichen Freiheits- und Friedensbund entlehnte Phrase, die als Äquivalent passieren soll für die internationale Verbrüderung der Arbeiterklassen im gemeinschaftlichen Kampf gegen die herrschenden Klassen und ihre Regierungen. Von internationalen Funktionen der deutschen Arbeiterklasse also kein Wort!

Marx ist glasklar gegen den nationalen Sozialismus, dessen fortschrittlicher und innovativer Erbe Stalin war. Der Kapitalismus ist ein ökonomisches und politisches Weltsystem, daher kann der Inhalt des Kommunismus niemals national sein. Seine Form ist ebenso global wie die des Kapitalismus. Dem Weltcharakter des Kapitals kann nur eine Klasse entgegengesetzt werden, die ebenfalls weltumspannend ist, eben weil sie das Ergebnis der Entwicklung des Kapitalismus selbst ist, die Menge der Proletarier, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, um zu überleben. Es ist also gerade die Entwicklung des Kapitalismus, die den Weltkommunismus notwendig macht, um mit den Kategorien des Kapitals – von der Ware bis zum Nationalstaat – materiell zu brechen. Die internationale proletarische Union ist keine bloße humanitäre Phrase, nach dem Motto „Wir müssen miteinander auskommen und uns wie gute Freunde lieben“: Sie ist, wie Marx selbst sagt, ein gemeinsamer Kampf gegen die Gesamtheit der herrschenden Klassen und ihrer Staaten, die sich in der Heiligen Familie auch gegen das Proletariat zusammengeschlossen haben. Es ist ein weltweiter Antagonismus, Klasse gegen Klasse, Produktionsweise gegen Produktionsweise.

Dieser internationale Charakter der Revolution war eine unumgängliche Grundlage für die Bolschewiki. Für sie gab es keine russische Revolution an und für sich. Sie war eine Episode der Weltrevolution, die ausbrechen musste und ausbrach und in Deutschland (November 1918) ihre nächste Episode hatte. Ein Beispiel:

Als wir seinerzeit die internationale Revolution begannen, taten wir es nicht in dem Glauben, dass wir ihre Entwicklung vorgreifen könnten, sondern deshalb, weil eine ganze Reihe von Umständen uns veranlasste, diese Revolution zu beginnen. Wir dachten: Entweder kommt uns die internationale Revolution zu Hilfe und dann ist unser Sieg ganz sicher, oder wir machen unsere bescheidene revolutionäre Arbeit in dem Bewusstsein, dass wir selbst im Falle einer Niederlage der Sache der Revolution dienen und dass unsere Erfahrungen den anderen Revolutionen von Nutzen sein werden. Es war uns klar, dass ohne die Unterstützung der internationalen Weltrevolution der Sieg der proletarischen Revolution unmöglich ist. Schon vor der Revolution und auch nachher dachten wir: Entweder sofort oder zumindestens sehr rasch wird die Revolution in den übrigen Ländern kommen, in den kapitalistisch entwickelteren Ländern, oder aber wir müssen zugrunde gehen.3 4

Lenin sprach 1921 und stellte klar, dass es ihnen klar war, dass der Sieg der proletarischen Revolution ohne die Unterstützung der proletarischen Weltrevolution nicht möglich ist. Wenn diese nicht zu ihrer Hilfe käme, wenn wir nicht im Weltmaßstab triumphierten, wären wir dem Untergang geweiht, aber das sei in jedem Fall in Ordnung, denn sie hätten der Sache der Revolution gedient, und ihre Lehren würden dem Weltproletariat nützlich sein: kurzum, eine internationalistische Position, mit der Stalin radikal brechen wird. Das ist die tiefe, infame und konterrevolutionäre Bedeutung der Theorie des Sozialismus in einem Land. Wie wir bereits gesagt haben, wiederholt Lenin in Bezug auf Marx einfach, was die Gründer unserer historischen Partei gesagt haben. Schon Engels erklärte in seinen Grundsätzen des Kommunismus, die dem Manifest vorausgingen:

Wird diese Revolution in einem einzigen Lande allein vor sich gehen können? Nein. Die große Industrie hat schon dadurch, daß sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung miteinander gebracht, daß jedes einzelne Volk davon abhängig ist, was bei einem andern geschieht. Sie hat ferner in allen zivilisierten Ländern die gesellschaftliche Entwicklung so weit gleichgemacht, daß in allen diesen Ländern Bourgeoisie und Proletariat die beiden entscheidenden Klassen der Gesellschaft, der Kampf zwischen beiden der Hauptkampf des Tages geworden. Die kommunistische Revolution wird daher keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern, d.h. wenigstens in England, Amerika, Frankreich und Deutschland gleichzeitig vor sich gehende Revolution sein.

Und das in der Zeit vor den bourgeoisen Revolutionen von 1848. Es liegt auf der Hand, dass diese Position 1917 und erst recht heute, da der Kapitalismus zum Weltkapitalismus geworden ist, wiederum eine Revolution voraussetzt, um ihn auch auf Weltebene zu bekämpfen und zu besiegen. Sogar Stalin selbst bis 1924: Man lese nur seine Über die Grundlagen des Leninismus, in denen er behauptet, dass die russische Revolution die Diktatur des Proletariats in Russland errichtet hat, ihr endgültiger Triumph aber eine Weltrevolution erfordert. Erst im Dezember 1924 veröffentlichte Stalin in der Prawda einen Artikel mit dem Titel „Die Oktoberrevolution und die Taktik der Kommunisten“, in dem er zum ersten Mal vom Aufbau des Sozialismus in einem einzigen Land sprach. Im Jahr 1925 wird er als Vorwort zu Stalins Buch „Oktoberweg“5 und in den folgenden Ausgaben von „Zu den Fragen des Leninismus“ erscheinen. Für Stalin kann das russische Volk nicht „in seinen Widersprüchen dahinvegetieren und verrotten, während es auf die ‚Weltrevolution‘ wartet“. Auf diese Weise rekonstruiert und manipuliert er, wie wir weiter unten genauer sehen werden, Texte, um sie mit der Notwendigkeit der Entwicklung des russischen Staates und seiner kapitalistischen Akkumulation in Einklang zu bringen. Die zentrale These vom Sozialismus in einem Land ist eine konterrevolutionäre Umkehrung des bisher Gesagten: Der Sozialismus wird in Russland aufgebaut und das Proletariat muss ihn in allen Ländern verteidigen. Eine These, die des Sozialismus in einem Land, die untrennbar mit dem Scheitern der Weltrevolution verbunden ist – die ihre letzten beiden großen Episoden in Deutschland 1923 und in China 1927 erlebte. Diese Isolierung der russischen Revolution angesichts des besiegten Weltproletariats erzeugt in Russland nationalen Druck für eine Normalisierung der Beziehungen zu den kapitalistischen Staaten auf diplomatischer und ökonomischer Ebene. Diese Normalisierung ist das, was der Idee des Sozialismus in einem Land zugrunde liegt. Wir sollten uns auf uns selbst und unsere Entwicklung konzentrieren. Geben wir die Schimären einer Weltrevolution auf. Der Sozialismus muss in Russland auf der Grundlage des Willens der Arbeiter und Bauern, verkörpert durch die Partei, aufgebaut werden. Und das Weltproletariat muss vom aktiven Subjekt der Weltrevolution zum Verteidiger des Heimatlandes des Sozialismus, der belagerten russischen Bastion, werden. In der Fortsetzung der Debatte innerhalb der Russischen Kommunistischen Partei war es Bucharin, der theoretisch viel kompetenter war als Stalin6, der die Perspektive des Sozialismus in einem Land aufgriff und dieser Idee auf dem XIV Parteitag der Kommunistischen Partei Russlands mehr theoretisches Gewicht verlieh. Stalin griff sie im Rahmen des Kampfes gegen Sinowjew und Trotzki endgültig wieder auf und gab sie nicht auf. Sein Text ist in dieser Hinsicht wichtig: Die Frage des Sieges des Sozialismus in einem Land. Stalin verwendet seine typische Prosa voller einfacher Fragen, die bejahend oder verneinend beantwortet werden. Eine Prosa, die eine Schule schaffen wird, die Schule der Konterrevolution. Stalin beginnt mit einer Selbstkritik an seiner Behauptung, dass der Triumph des Sozialismus den Triumph der Weltrevolution voraussetzt, eine Formel, die sich in Über die Grundlagen des Leninismus findet:

Aber die Macht der Bourgeoisie stürzen und die Macht des Proletariats in einem Lande errichten heißt noch nicht, den vollen Sieg des Sozialismus sichern. Das Proletariat des siegreichen Landes, das seine Macht gefestigt hat und die Führung über die Bauernschaft ausübt, kann und muss die sozialistische Gesellschaft aufbauen. Bedeutet das aber, dass es damit schon den vollständigen, endgültigen Sieg des Sozialismus erreichen wird, das heißt, bedeutet es, dass das Proletariat mit den Kräften eines Landes allein endgültig den Sozialismus verankern und das Land gegen die Intervention und folglich auch gegen eine Restauration völlig sichern kann? Nein, das bedeutet es nicht. Dazu ist der Sieg der Revolution wenigstens in einigen Ländern notwendig. Deshalb ist die Entwicklung und Unterstützung der Revolution in den anderen Ländern eine wesentliche Aufgabe der siegreichen Revolution. Deshalb soll sich die Revolution des siegreichen Landes nicht als eine sich selbst genügende Größe betrachten, sondern als Stütze, als Mittel zur Beschleunigung des Sieges des Proletariats in den anderen Ländern.

Stalin sagt, dass diese Formel bis zur Zerstörung der Opposition von Trotzki und Sinowjew innerhalb der russischen KP gerecht war. Sobald sie zerstört ist, ist klar, dass eine vollständige sozialistische Gesellschaft mit den Kräften Russlands allein und ohne Hilfe von außen aufgebaut werden kann.

Ihr Fehler liegt darin, dass sie zwei verschiedene Fragen zu einer einzigen verschmilzt: die Frage nach der Möglichkeit, den Aufbau des Sozialismus mit den Kräften eines einzigen Landes durchzuführen, eine Frage, die bejaht werden muss, und die Frage, ob ein Land mit einer Diktatur des Proletariats ohne eine siegreiche Revolution in anderen Ländern als vollständig garantiert gegen eine Intervention und damit gegen die Wiederherstellung des alten Regimes angesehen werden kann, eine Frage, die verneint werden muss. Ganz zu schweigen davon, dass eine solche Formulierung Grund zu der Annahme geben könnte, dass es unmöglich ist, die sozialistische Gesellschaft mit den Kräften eines einzigen Landes zu organisieren, was natürlich falsch ist.

Wie wir deutlich sehen können, sind alle Grundlagen des stalinistischen nationalen „Kommunismus“ bereits in dieser Formulierung enthalten. Dies ist der Kern der Konterrevolution. Die offenkundig falsche Behauptung vom Sozialismus in einem Land dient dazu, das Weltproletariat auf ein bloßes Anhängsel zur Verteidigung der geopolitischen und imperialistischen Interessen der UdSSR als kapitalistischer Staat zu reduzieren. Es gibt eine radikale Umkehrung der Pyramide des proletarischen Internationalismus, wie Bordiga auf der Sechsten Erweiterten Exekutive der Kommunistischen Internationale 1926 erklärte. Das Subjekt ist nicht mehr das Weltproletariat, das sich als Klasse konstituiert, durch seine Partei als Klassenorgan, und das den Triumph der Weltrevolution anstrebt. Das Proletariat ist lediglich ein passiver Akteur, der den russischen Staat als Vaterland des Sozialismus, eines selbsternannten Sozialismus, unterstützt. Das wird die Geschichte des Stalinismus von da an sein: die Reduzierung der kommunistischen Parteien auf Agenten zur Verteidigung der ökonomischen und politischen Interessen des russischen Staates. Letzterer, seine politischen Apparate und die Komintern selbst werden durch die Theorie des Sozialismus in einem Land als Agenten des russischen unpersönlichen Kapitals und der Weltbourgeoisie konstituiert. Das ist das Geheimnis des Stalinismus und seiner Konterrevolution, die sich im Sozialismus in einem Land verkörpert.

Zunächst einmal ist es wichtig, immer wieder zu betonen, dass der Sozialismus in einem Land unmöglich ist, denn Sozialismus bedeutet, wie Sinowjew selbst in der Diskussion gegen Stalin in Anlehnung an Marx sagte, die Abschaffung der Diktatur des Proletariats und die Auslöschung der sozialen Klassen. Der Sozialismus oder die erste Phase des Kommunismus, wie Marx sagte, ist eine Gesellschaft, in der die kapitalistischen Kategorien nicht mehr gelten: Lohnarbeit, Staat, Geld und Waren, soziale Klassen… Stalin und der Stalinismus, als unbewusster Ausdruck der unpersönlichen Kräfte des Weltkapitals, geben als Kommunismus aus, was ein Ausdruck des nationalen Kapitals ist. Wie wir bereits in unserem Text Stalins Kapitalismus7 erläutert haben, verteidigt dieser, dass die Existenz des Wertgesetzes, der Akkumulation von Waren zum richtigen Preis – denn dieser totalitäre proudhonianische Kapitalismus wäre exzessive, monopolistische Profite -, des Lohnsystems als Vermittlung zwischen Produktion und Konsum … der Aufbau des Sozialismus in Russland wäre, eines Sozialismus, den der Vater der Konterrevolution bereits 1931 proklamierte.

Diese Diskussion ist nicht nur terminologisch, denn es geht um die Verfälschung des Programms des Kommunismus. Eine Verfälschung, die bis heute anhält, wenn auch in abgeschwächter Form. Wir erleben junge Proletarier, die sich gegen den Kapitalismus radikalisieren und ihn auf revolutionäre Weise überwinden wollen, doch dafür finden sie in ihren vielen Familien die Instrumente der Konterrevolution in verschiedenen stalinistischen Apparaten verkörpert. Sie kommt aber auch selbst bei linken Kritikern des Stalinismus vor, wie z. B. den Kommunisierern8, die den Sozialismus mit dem verwechseln, was Stalin darüber gesagt hat – d. h. eine Gesellschaft, in der das Wertgesetz herrscht -, die die Notwendigkeit der Überwindung jeglicher Übergangsphase zum Kommunismus beteuern – und dabei die zentrale Bedeutung der Diktatur des Proletariats als revolutionäre politische Phase ignorieren – und damit Stalins voluntaristische Position radikalisieren. Der Kommunismus wäre sofort möglich, ohne Weltrevolution, nicht einmal auf nationaler Ebene, denn er würde sich im Kampf selbst, im Aufstand selbst, durchsetzen. Ohne es zu wissen, sind diese Theorien das Ergebnis dessen, was sie vorgeben zu kritisieren, nämlich die Vorstellungen der Konterrevolution, die sie als die von Marx und unserer historischen Bewegung ausgeben. Nein, der Sozialismus ist bereits Kommunismus, er ist keine Gesellschaft mit sozialen Klassen und einem Staat, sondern eine Klassendiktatur als Übergangsphase. Und der Kommunismus braucht diese Zwischenphase. Er entsteht nicht aus bloßem Willen, wie es die kommunizierende Ideologie voraussetzt9.

Aber um auf Sinowjew zurückzukommen: Im Kampf gegen Stalins Positionen sprach er bereits von der nationalen Beschränktheit des Georgiers und wie dieser den proletarischen Internationalismus leugnete. Trotzki und Sinowjew haben in ihrer Reaktion gegen den Stalinismus sehr viele Grenzen. Wir werden sie im Laufe unseres Textes und der Lehren, die wir heute als Kommunisten ziehen müssen, entwickeln und auch auf die Grenzen von Lenin selbst zurückkommen. Aber es ist wichtig, auf seine Reaktion hinzuweisen, auf die verwirrte, aber gerechte Verteidigung der Grundlagen des Kommunismus. Der Sozialismus ist eine klassenlose und staatenlose Gesellschaft, wie Trotzki in Die verratene Revolution von 1936 sagen wird.

Das Endergebnis der stalinistischen Konterrevolution kommt für uns als revolutionäre Kommunisten, die versuchen, die materialistische Methode auf die Geschichte anzuwenden, nicht überraschend. Eine proletarische Revolution, die in einem Land triumphiert, aber international isoliert ist, ist dem Untergang geweiht. Das ist das Geheimnis hinter dem russischen Schlamassel. Die russische Revolution war eine proletarische Revolution, deren Ziel es war, den Kommunismus zu erreichen. Dieses Ziel ist erst nach der Entwicklung und dem Sieg einer Weltrevolution möglich, die zwar stattgefunden hat, aber gescheitert ist. Wie Rosa Luxemburg in ihrer Analyse der russischen Revolution sagte, tragen die Bolschewiki das unvergängliche Verdienst in sich, es gewagt zu haben. Doch damit stellten sie eine Herausforderung dar, die nur vom internationalen Proletariat angenommen werden und in der Weltarena des Klassenkampfes triumphieren konnte. Die Isolierung der Revolution stärkte das Gewicht des Weltkapitalismus in Russland. Als historische Materialisten wissen wir, dass es nicht anders sein konnte. Im Gegensatz zu dem, was die Rätekommunisten später behaupteten, war die russische Revolution eine proletarische Revolution, die in einem kapitalistischen Kontext stattfand. Es konnte nicht anders sein: Das war die soziale Realität des damaligen Russlands und jedes anderen Landes seiner Zeit – obwohl die deutsche Entwicklung natürlich mehr dazu beigetragen hätte als die russische Situation – und das wird auch in unserer Zeit so sein, selbst wenn der Kapitalismus die gegenwärtige Reife des Kommunismus stark erweitert hat. In jedem Fall bedeutet eine siegreiche Revolution immer auch eine politische Übergangsperiode, die durch die revolutionäre Diktatur des Proletariats gekennzeichnet ist.

Wie wir sagen, führt ein Kontext der Isolation der Weltrevolution unweigerlich zu einer Anhäufung konterrevolutionären Drucks, der schließlich triumphiert. Unter diesen schwierigen Bedingungen agieren die Bolschewiki und das führt sie in eine Reihe von Fehlern. Inmitten der Isolation der Revolution, vor allem ab 1921, konzentrierten sich die Bolschewiki auf den Versuch, die nationale Ökonomie, die NEP, den Staatskapitalismus zu entwickeln, um eine kapitalistische Entwicklung zu erzeugen, während sie auf den Triumph der Weltrevolution warteten. Lenin geht sogar so weit, diesen Staatskapitalismus als einen Fortschritt auf dem Weg zum Sozialismus zu bezeichnen – in einer Perspektive, die sich zu sehr auf die nationale ökonomische Entwicklung konzentriert, sind die Übergänge zum Sozialismus, die zweifelsohne weltweit sind. Lenin argumentiert, dass das Beste, was sie in dieser Zeit für das Weltproletariat tun können, ist, sich auf ihre eigene ökonomische Entwicklung zu konzentrieren:

Mit unserer ökonomischen Politik greifen wir in die Weltpolitik ein; wenn wir dieses Problem lösen, werden wir auf internationaler Ebene sicher und endgültig gewinnen.10

Den Bolschewiki geht es immer darum, sich Luft und Zeit zu verschaffen, um durchzuhalten, bis die Weltrevolution wieder ausbricht, daher die Bedeutung, die die Kommunistische Internationale 1923 dem Triumph der deutschen Revolution beimessen wird. Es scheint uns sehr wichtig zu sein, den qualitativen Bruch zu betonen, den die bolschewistische Perspektive im Verhältnis zum Stalinismus impliziert. Wir verstehen zwar, dass dieser Druck bereits in der anfänglichen Entwicklung der russischen Revolution vorhanden war, aber wir verstehen auch, dass er ohne einen Triumph der Weltrevolution unvermeidlich war. Es ist unmöglich, eine gesunde proletarische Macht im Kontext einer kapitalistischen Welt- und Nationalökonomie auf Dauer zu erhalten. Lenin hat auf jeden Fall das Verdienst, die Situation beim richtigen Namen zu nennen. Was existiert und sich aus der bolschewistischen Macht entwickelt, ist eine Form des Staatskapitalismus, der volle Sozialismus wird nicht auf nationaler Ebene aufgebaut. Er selbst erkennt an, dass der Wagen des Staates seinen eigenen Weg geht, dass sie ihn nicht kontrollieren. Es wäre sehr wichtig gewesen, diesen Aspekt deutlicher herauszuarbeiten, um die bolschewistische Partei und die Kommunistische Internationale davor zu bewahren, Instrumente der Konterrevolution zu werden.

Und doch sind die Bolschewiki, angefangen bei Lenin, nicht klar genug. Die Konzentration auf die Entwicklung einer nationalen Ökonomie, während die Weltrevolution ausbricht, wird die Grundlage sein, die die stalinistische Konterrevolution später ausnutzen wird. Sie schafft Missverständnisse über den endgültigen Horizont der kommunistischen Revolution und erzeugt eine Reihe von Tendenzen, die automatisch, unpersönlich und für sich selbst funktionieren, wenn sie nicht durch die Ausdehnung der Weltrevolution und die internationale Macht des Proletariats durchbrochen werden. Andernfalls wird die Logik des Staates und der kapitalistischen Ökonomie schließlich jede revolutionäre Erfahrung verschlingen und brechen, was schließlich auch geschah. Die merkantile Logik der Kapitalakkumulation und die geopolitischen Interessen des russischen Staates legten die Rechnung für ihre Interessen vor und fanden in Stalin und seinem Kreis die Agenten und Funktionäre ihrer Logik11. Wir werden später auf diese Lektionen zurückkommen, aber es scheint uns sehr wichtig, sie jetzt hervorzuheben. Das Problem war nicht die Anwendung der NEP im Jahr 1921 oder gar Lenins Positionen zugunsten des Staatskapitalismus – wir teilen sie nicht, aber sie scheinen uns ein taktisches Problem zu sein, andere ökonomische Maßnahmen, die den Konsum und die proletarische Freizeit so weit wie möglich gefördert hätten, wären besser gewesen – solche Maßnahmen – merkantil – sind in einem gesellschaftlichen Kontext, der kapitalistisch bleibt, unvermeidlich. Was stärker hätte betont werden müssen, war, dass diese Maßnahmen ohne die proletarische Weltrevolution ihre Tage gezählt hatten, dass diese das A und O der revolutionären Macht sein muss und dass sich der russische Staat und die bolschewistische Partei gerade deshalb der Zentralisierung der Internationale unterwerfen mussten – wie Bordiga auf der Sechsten Erweiterten Exekutive der Kommunistischen Internationale betonte. Es war nicht möglich, die Illusion zu nähren, dass man sich außerhalb der Marktbörsen befände und dass deren Wirbelwind die Revolution nicht verhängnisvoll mit sich reißen würde. Wenn die Weltrevolution dem Kapitalismus nicht ein Ende setzte, würde der Kapitalismus am Ende in Moskau mit ihm abrechnen12. Und es musste berücksichtigt werden, dass, wenn die Zeit gekommen war, auf die politische Macht verzichtet werden musste, damit sie das Klassenorgan, die Weltpartei, nicht zerdrückte und deformierte. Wer diese Perspektive nicht berücksichtigt, wird am Ende den Prozess ruinieren und eine kapitalistische Konterrevolution herbeiführen, aber mit einer roten Fahne, die die revolutionären Möglichkeiten des Proletariats über Jahrzehnte hinweg unterdrückt hat. Deshalb ist es heute so wichtig, die Lehren aus der russischen Revolution und vor allem aus der Konterrevolution, die uns niedergeschlagen hat, klar zu erkennen.

An diesen Punkten sind Lenin und die Bolschewiki nicht klar genug. Ihr rechtschaffener Wille, durchzuhalten und Widerstand zu leisten, berücksichtigt nicht ausreichend die Gefahren, die entfesselt werden, und die Art und Weise, wie die Logik des Kapitals und der internationalen Diplomatie sie schließlich verschlingen wird. Schon sehr früh gibt es zwei Logiken, die nebeneinander existieren. Die eine ist die der Kommunistischen Internationale und die andere die der internationalen Verträge, in denen der russische Staat versucht, die Anerkennung durch die bourgeoise Staatengemeinschaft zu erlangen. Die ersten revolutionären Impulse waren im Abklingen begriffen. Tschicherin und Litwinow (Kommissare für auswärtige Angelegenheiten der UdSSR) unterscheiden sich stark von Trotzki, der behauptete, er wolle seinen Posten nutzen, um revolutionäre Propaganda unter deutschen und österreichischen Soldaten zu verbreiten, nur um dann die Tür des Ministeriums zu schließen. Jetzt, in den frühen 1920er Jahren, strebt der russische Staat nach internationaler Anerkennung, die er 1922 in Rapallo erlangt. Er machte geheime Vereinbarungen nicht mehr öffentlich, sondern schloss sie ab: zum Beispiel ein geheimes Protokoll mit Weimar-Deutschland, in dem die UdSSR den Bau von Fabriken für die heimliche Bewaffnung der deutschen Armee genehmigte; oder der Rückzug der UdSSR aus der Unterstützung für die Sowjetrepublik Guilan im Nordiran aufgrund des Abkommens zwischen der russischen und britischen Diplomatie von 1921; oder der Moskauer Vertrag von 1921 mit Atatürks Türkei, der sowjetische Militärhilfe für die Türken im Krieg mit den Griechen vorsieht, während Atatürk die türkischen Kommunisten verfolgt.

Wir sehen also einen engen Zusammenhang zwischen den Bewegungen der russischen Staatsdiplomatie, der Einbindung in die Gemeinschaft der kapitalistischen Staaten durch internationale Verträge und wie diese Dynamik nach und nach gegen die Interessen der Weltrevolution ausgespielt wird. Dies zu verstehen, ist der entscheidende Aspekt, und darüber waren sich die Bolschewiki trotz ihres Internationalismus nicht im Klaren. Dieser Mangel an Klarheit führte zusammen mit der internationalen Dynamik der Isolierung der Revolution zur Entstehung eines Teils der russischen Partei, der die Interessen der automatischen Dynamik des internationalen Kapitalismus verkörperte.

Interklassismus als Bündnis mit der fortschrittlichen Bourgeoisie

Wir haben die Hauptstütze der stalinistischen Konterrevolution, den Sozialismus in einem Land, der die logische Krönung der Interessen des russischen kapitalistischen Staates vor denen des Weltproletariats ist, bereits eingehend analysiert. Es ist die theoretische Ursache, die eine praktische Dynamik bestätigt, nämlich die der Zerstörung der kommunistischen Partei, die von einem proletarischen Organ in ein Instrument der bourgeoisen Weltkonterrevolution verwandelt wird. Diese konterrevolutionäre Position wird auf dem XV. Kongress 1927 als notwendige Bedingung für die Mitgliedschaft in der russischen KP und auf dem VI. Kongress 1928 in der Kommunistischen Internationale eingeführt. Von da an wurde die Behauptung von der Notwendigkeit des Sozialismus in einem Land zu einem Glaubensdogma der Konterrevolution.

Und das ist sehr wichtig, wenn man bedenkt, was wir in der Einleitung zu diesem Text gesagt haben. Viele der Organisationen, die sich heute als kommunistisch bezeichnen, sind in Wirklichkeit national-“kommunistisch“. Sie sind die Erben dieser Konterrevolution in Prinzip und Praxis, die die proletarische Bewegung zerfressen hat. Deshalb ist es, wie gesagt, so wichtig, sich von diesen Kräften zu distanzieren, sie im feindlichen Lager zu sehen und sie als konterrevolutionär zu bezeichnen.

Im Lexikon der politischen Tricks des Stalinismus wird der Sozialismus zum Nationalismus und der Internationalismus zur Verteidigung der geopolitischen Interessen des russischen Staates, wie wir bereits gesagt haben. Ein Internationalist zu sein bedeutet nicht, die Klassensolidarität hochzuhalten und gegen die Weltbourgeoisie zu kämpfen, sondern das Heimatland des Sozialismus zu verteidigen.

Wie wir bereits erahnen können, hat dies direkten Einfluss auf die internationale Politik der stalinistischen Komintern. Die Dritte Internationale wurde 1919 als Ausdruck der Weltpartei des Proletariats gegründet. Zweifellos war sie, mit all ihren Grenzen und Zögerlichkeiten, eine sehr klare Demonstration des Internationalismus, der der russischen Revolution und den Bolschewiki innewohnt. Die Politik des Sozialismus in einem Land verändert alles, denn dann geht es um die Verteidigung der Interessen des russischen Staates und die Bündnisse, die er mit den nationalen Bourgeoisien in zahlreichen Ländern eingeht. Seit 1927 sind die kommunistischen Parteien ein Anhängsel der Konterrevolution.

Um das oben Gesagte zu verdeutlichen, wollen wir uns mit verschiedenen revolutionären Prozessen und der opportunistischen und kriminellen Politik der Kommunistischen Internationale befassen. Wir werden über den Prozess der Bolschewisierung der Kommunistischen Internationale von 1923-24, das Anglo-Russische Komitee von 1925/26, die chinesische Revolution von 1927 und den Zickzackkurs der stalinistischen Politik von der Theorie des Sozialfaschismus zum Volksfrontismus und Antifaschismus als Bündnis mit der demokratischen Bourgeoisie sprechen. In einem späteren Abschnitt werden wir auf andere Prozesse der berüchtigten Politik des Stalinismus eingehen, wie zum Beispiel Spanien 1936.

Die Kommunistische Internationale durchlief von 1923 bis 1924 einen Prozess der Bolschewisierung aller kommunistischen Parteien, der 1926 seinen Höhepunkt erreichte. Im Rahmen dieses Prozesses wurde die Pyramide der Internationale völlig auf den Kopf gestellt. Wie Bordiga auf der IV Erweiterten Exekutive sagte:

Wir können unsere internationale Organisation mit einer Pyramide vergleichen. Diese Pyramide muss eine Spitze haben und Seiten, die zu dieser Spitze hin tendieren. So können Einheit und die notwendige Zentralisierung dargestellt werden. Aber heute ruht unsere Pyramide aufgrund unserer Taktik gefährlich auf ihrer Spitze. Die Pyramide muss daher umgedreht werden […]. Das ganze System muss von oben nach unten verändert werden.

Bordiga bringt die Prinzipien der organischen Zentralisierung, die die Internationale haben muss, klar zum Ausdruck. Sie muss sich auf ihre Basis stützen und auf eine Bewegung in zwei Richtungen, von unten nach oben und von oben nach unten, die eine Einheit auf der Grundlage gemeinsamer kommunistischer Positionen ermöglicht. Im Gegensatz dazu bedeutet Bolschewisierung – ein Begriff, den der französische Kommunist Albert Treint verwendet hat – die Schaffung einer internationalen Disziplin, die den revolutionären Geist der kommunistischen Parteien und der Kommunistischen Internationale verkrüppeln wird. Und wie die italienische Linke in der gleichen Exekutive erklärte:

Die Disziplin ist ein Ankunftspunkt, kein Ausgangspunkt, keine unveränderliche Plattform. Andererseits entspricht dies dem freiwilligen Charakter der Mitgliedschaft in unserer Organisation der Partei. Aus diesem Grund kann eine Art Parteistrafgesetzbuch kein Heilmittel für die häufigen Fälle von Disziplinlosigkeit sein. In unseren Parteien ist in letzter Zeit ein Terrorregime eingeführt worden, eine Art Sport, der darin besteht, einzugreifen, zu bestrafen, zu unterdrücken und zu vernichten. Und das alles mit einem ganz besonderen Vergnügen, als ob dies das Ideal des Parteilebens wäre.

Der anthropologische Typus des stalinistischen Militanten wurde hier geboren, aber es war ein Bruch mit den revolutionären Traditionen der frühen Jahre der Kommunistischen Internationale. Der Rubaschow in Koestlers Roman Sonnenfinsternis ist bereits jemand, der an dieser künstlichen Disziplin zerbrochen ist, die aus Infamien, Verrat und Denunziationen besteht, die die Verbindung zu einem wahren revolutionären Programm und zu einer Disziplin, die bewusst sein muss, korrumpieren und von innen heraus brechen. Die Bolschewisierung und ihr Triumph auf Kosten der Militanten, die die authentischen Traditionen unserer Klasse vertraten, ist die Erklärung für die organisatorische und moralische Logik des Stalinismus: von Säuberungen bis hin zu einem ständigen Zickzackkurs der taktischen Positionen und Prinzipien. Und das alles im Namen der Verteidigung der UdSSR als Heimatland des Sozialismus, der Verteidigung der „Eigenen“, um dem Feind keine Waffen zu geben. Mit anderen Worten: All das um den Preis, dass das wahre kommunistische Programm und die Ziele begraben werden. Es wird also bekräftigt:

Eine Methode der persönlichen Demütigung, die eine bedauerliche Methode ist, selbst wenn sie gegen politische Elemente eingesetzt wird, die es verdienen, hart bekämpft zu werden. Ich glaube nicht, dass es eine revolutionäre Methode ist. Ich denke, dass die meisten von denen, die heute ihre Rechtgläubigkeit beweisen, indem sie sich auf Kosten von Sündern und Verfolgten amüsieren, höchstwahrscheinlich aus ehemaligen Gegnern bestehen, die seinerzeit gedemütigt wurden […]. Dieser Selbstaufopferungswahn muss aufhören, wenn wir uns wirklich für die Führung des revolutionären Kampfes des Proletariats bewerben wollen.

Die Logik der Kritik und Selbstkritik wurde bereits 1926 als etwas beschrieben, das im Namen des kommunistischen Programms radikal bekämpft werden muss, als Zeichen dafür, dass die Konterrevolution zwar eine Frage des Inhalts und nicht der Form ist, die Methoden, die die kommunistische Organisation und Militanz aufbauen, aber nicht unabhängig von diesen Inhalten sind, sondern untrennbar mit ihnen verbunden sind. Es gibt eine ständige Beziehung zwischen Mitteln und Zielen. Und den Zielen der stalinistischen bourgeoisen Konterrevolution entsprechen die Mittel: Denunziation und Selbstaufopferung, die Zerstörung der kollektiven Reflexion und künstliche Disziplin, Personalismus und die unerbittliche Verfolgung von Sündern. Eine Logik, die den Antipoden der Organisation der Kommunisten entspricht. Ziele und Mittel sind im Stalinismus untrennbar miteinander verbunden, und seine Methoden sind weder unserer Bewegung noch dem bolschewistischen Zentralismus im Besonderen eigen, sondern sind seine eigentliche Negation als Produkt der Konterrevolution.

Der oben beschriebene Prozess der Bolschewisierung dauert nun schon drei Jahre an. Er ist das Ergebnis der langsamen Durchsetzung der Konterrevolution, die die Bolschewiki dazu bringt, sich in ihre belagerte Festung zurückzuziehen, und sie dazu bringt, zu versuchen, die Kommunistische Internationale zu kontrollieren, um sie in den Dienst des Vaterlandes des Sozialismus zu stellen. Paradox ist in diesem Sinne, was in der Kommunistischen Partei Italiens (KPI) geschah, wo die linke Führung 1923 von Moskau abgelöst und von Gramsci angeführt wurde, der von da an zum Verteidiger der Moskauer Linie wurde, die versuchte, die revolutionäre Unnachgiebigkeit der italienischen Partei – die sich gegen die politischen Einheitsfronten und die Arbeiterregierung oder den Zusammenschluss mit den Sozialisten von Serrati stellte13 – zu mildern. Gramsci, der sich offensichtlich sehr von dem berüchtigten Togliatti unterscheidet, wird die Kontrolle der Partei durch die Kommunistische Internationale unerbittlich durchsetzen, sogar mit einer Parteipolizei, die versuchte, die von den Militanten mitgeführten Dokumente und Papiere zu kontrollieren, um Fraktionslogiken zu verhindern, und mit so undemokratischen Methoden wie der Vergabe aller Stimmen an die Führung, die aufgrund der Geheimhaltung der Partei im faschistischen Italien nicht abgegeben werden konnten. Und trotz alledem war die Linke auf der Konferenz von Como (1924) immer noch in der Mehrheit, und erst 1926 wurde die Partei durch Gramsci vollständig von Moskau kontrolliert. Und, wie wir schon sagten, gab es immer noch eine gewisse Logik und einen gewissen Kameradschaftsgeist, der in den 1930er Jahren in der italienischen Partei wie auch in den anderen kommunistischen Parteien endgültig zerschlagen werden sollte.

Was wir gerade für Italien angedeutet haben, was auch dazu dient, das heutige geschönte Bild eines akademisch verbrämten Gramsci zu diskreditieren, lässt sich auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichen Klarstellungen auf alle kommunistischen Parteien der Welt verallgemeinern. In Frankreich wurde die Führung von Boris Souvarine, Rosmer und Monatte abrupt durch die Figur von Albert Treint ersetzt, der später zugunsten von Maurice Thorez eliminiert wurde. In Deutschland säubert die KPD zunächst – unter Paul Levi – die Mehrheit ihrer Militanz, woraus die KAPD entsteht. Nach der gescheiterten Revolution von 1923 wird Brandler durch die „Linken“ Maslow und Ruth Fischer ersetzt, und schließlich setzt sich der disziplinierte und unterwürfige Thälmann durch. Das ist das Geheimnis der stalinistischen Führer, Produkte der Konterrevolution, unterwürfige Menschen, die zu Moskau ja zu sagen wissen und die ihrerseits als kleine Väter oder Mütter des Proletariats gefeiert werden: von Dolores Ibárruri bis Tito, von Mao bis Thorez, von Dimitrov bis zum ungarischen Rákosi. In einigen Fällen handelt es sich um intelligente und berüchtigte Figuren wie Togliatti, die ihre Intelligenz in den Dienst der Konterrevolution stellen und die Säuberungen durch eine Kombination aus Glück, Fügsamkeit und vor allem einer hohen Dosis an Niedertracht überleben. In anderen Fällen werden die Kinder gegen ihre Eltern rebellieren. Das ist es, was Tito mit Stalin, Mao mit Chruschtschow oder Carrillo mit Ibárruri macht. Aber die konterrevolutionäre Logik ist identisch, das national-“kommunistische“ Programm treibt sie an und sie fordern einfach ihren eigenen Anteil am Kuchen. Aber darauf werden wir später zurückkommen. Für den Moment wollten wir betonen, dass sowohl die Bolschewisierung der Kommunistischen Internationale als auch die Bolschewisierung der russischen Partei selbst für den Erfolg der laufenden Konterrevolution entscheidend waren.

Das erste Beispiel, auf das wir eingehen wollten, um die Folgen dieser interklassistischen und versöhnlichen Politik der Komintern genau zu beobachten, ist der britische Fall. Im April 1925 wurde zwischen den sowjetischen und britischen syndikalistischen Anführern, die sich der „Linken“ zugewandt hatten, ein Abkommen unterzeichnet, das als „Anglo-Russisches Komitee“ bekannt wurde. Tatsächlich ist diese Vereinbarung untrennbar mit früheren diplomatischen Schritten verbunden. Im Januar 1924 kam die erste Labour-Regierung überhaupt an die Macht und erkannte die UdSSR am 1. Februar 1924 diplomatisch an. Sowjetische Diplomaten, darunter der syndikalistische Anführer Tomsky, treffen im Mai 1924 auf britischem Boden ein. Britische syndikalistische Anführer besuchen die UdSSR Ende 1924 und, wie bereits erwähnt, wird im April 1925 das berühmte Anglo-Russische Komitee zwischen den sowjetischen und britischen Gewerkschaften/Syndikate unterzeichnet. Diese Vereinbarungen bedeuteten die Unterordnung der Autonomie der Britischen Kommunistischen Partei (GBCP) unter diesen Ausschuss und die syndikalistische Logik der britischen linken Anführern: radikal in ihren Worten und absolut zaghaft in ihrem Handeln. Kurz gesagt, eine für den Syndikalismus typische Logik, die den Radikalismus der Arbeiterbewegung aufgreift und ihn in den politischen Rahmen des bourgeoisen Staates integriert, und genau das werden sie mit Hilfe der UdSSR tun. Lloyd George, der berühmte liberale Politiker, hatte bereits 1919 zu den syndikalistischen Anführern gesprochen und ihnen gesagt, dass ihre Funktion darin besteht, die soziale Ordnung aufrechtzuerhalten. Es ist allgemein bekannt, dass die Funktion das Organ bestimmt, in diesem Fall dem Syndikalistischen14.

Im Jahr 1926 erlebten wir in Großbritannien eine sehr wichtige Streikwelle, die durch den Kampf der Bergarbeiter vorweggenommen wurde. Am ersten Tag des Streiks, dem 4. Mai, war der Streik total. Alles ist still als Zeichen der potenziellen Macht des Proletariats im Kampf. Der Verkehr im Land steht komplett still, nur 3,5% der Personenzüge und 2-3% der Güterzüge fahren. Gleichzeitig ist die GBCP eine schwache Partei und den syndikalistischen Leitungen völlig untergeordnet. Wie wir bereits in El pasado de nuestro ser angedeutet haben, ist dies ein neuer Beweis für die Freiwilligkeit der Dritten Internationale, revolutionäre Situationen durch Abkürzungen zu schaffen. Doch hier vollziehen wir einen qualitativen Sprung, da die Politik der Komintern der Perspektive des Sozialismus in einem einzigen Land und den geopolitischen Interessen des russischen Staates untergeordnet ist.

Die britische Regierung und die Gewerkschaften/Syndikate fürchteten sich zu Tode vor der Radikalisierung und der proletarischen Offensive, die sich jeden Tag auf den Straßen manifestierte. Nach etwas mehr als einer Woche Streik beendeten sie den Streik am 12. Mai, um den Prozess der Radikalisierung der Klasse zu brechen und zu versuchen, den Prozess wieder in Richtung der Ordnung des Kapitals zu lenken. Die Bergarbeiter setzten den Streik allein fort, aber in Isolation. Mitte Oktober 1926 kehrten 200.000 Bergarbeiter an die Arbeit zurück, und bis zum Ende des Jahres waren es alle. Der Streik von 1926 war die Niederlage von Millionen von Proletariern im Kampf. Das lag zum einen an der politischen Schwäche des Proletariats im Kampf, zum anderen aber auch an einer Politik der Kommunistischen Internationale, die den Kampf der Logik der britischen Gewerkschaften/Syndikate und damit dem politischen Rahmen des britischen Kapitals unterordnete. Für Stalin war es vorrangig, eine Politik der kommunistischen Parteien zu gewährleisten, die die Sicherheit der UdSSR garantieren würde. In diesem Sinne diente das Anglo-Russische Komitee als Instrument des russischen Staates im geopolitischen Spiel mit dem britischen Imperialismus.

Vom Standpunkt der Weltrevolution aus gesehen sind die Ereignisse in China von 1925 bis 1927 noch wichtiger. Wir sind Zeugen einer echten proletarischen Radikalisierung, die aufgrund der Politik der Dritten Internationale, die das chinesische Proletariat der von der Kuomintang (KMT) vertretenen nationalen Bourgeoisie unterordnet, in Blutvergießen enden wird. Die Politik der Führung der Dritten Internationale, die bereits der Logik des Sozialismus in einem Land und einer Vision der Weltrevolution in Etappen und als nationale Revolutionen untergeordnet ist, die eine Revolution von der anderen in wasserdichte Abteile trennt, wird in China mit schrecklichen Folgen angewandt werden. Die erste, die Idee einer Revolution in Etappen, bedeutete, die chinesische Revolution auf eine bourgeoise Revolution mit antiimperialistischem Charakter zu reduzieren. In diesem Sinne war es notwendig, ein Bündnis mit den übrigen nationalen Klassen gegen den ausländischen Imperialismus zu suchen – eine Politik, die später von Mao in den 1930er und 1940er Jahren angesichts des vollständig stalinistischen Charakters des chinesischen bourgeoisen Nationalismus entwickelt werden sollte. Das heißt, dass er in erster Linie ein Bündnis mit der nationalen Bourgeoisie anstrebte, die von der KMT vertreten wurde, der Partei, die von Sun Yat Sen gegründet worden war und die nach seinem Tod im März 1925 Jiang Jieshi zu ihrem wichtigsten Anführer gemacht hatte. Die stalinistische Dritte Internationale zwang die junge Kommunistische Partei Chinas (KPCh), sich ganz der KMT unterzuordnen. Das ging so weit, dass sich die KPCh innerhalb der KMT auflöste, an ihren Strukturen teilnahm, ohne eine eigene politische Physiognomie zu haben, und die KMT sogar zu den Treffen der Dritten Internationale eingeladen wurde. Sie gehen sogar so weit, dass sie Jiang Jieshi als Vizepräsidenten der Dritten Internationale vorschlagen. Auf diese Weise wird eine antiimperialistische Einheitsfrontpolitik betrieben, die die Dritte Internationale auch in anderen kolonialen und halbkolonialen Ländern anwenden wird – mit katastrophalen Folgen.

Neben der etapistischen Unterordnung und einem bourgeoisen Programm der KPCh erleben wir, dass die chinesische Revolution ausschließlich in nationalen Begriffen betrachtet wird. Dies ist eine direkte Folge der konterrevolutionären Strategie des Sozialismus in einem Land. Die chinesische Revolution wird nicht als Teil der 1917 ausgebrochenen Weltrevolution betrachtet, sondern als eine Revolution, die ausschließlich in ihren nationalen Grenzen gefangen ist. Und doch ist es unmöglich, irgendetwas über die chinesische Revolution zu verstehen, wenn wir sie nicht als einen Moment im Gesamtprozess der Weltrevolution betrachten, als einen entscheidenden Moment, der die revolutionäre Ebbe, die seit 1921 im Gange war, hätte umkehren können. Mit ihren Grenzen und Schwächen geht die junge KPCh zaghaft auf diese Positionen der Dritten Internationale ein. Und natürlich stand der Prozess der Klassenbildung des chinesischen Proletariats durch Landbesetzungen, wilde Streiks und die Bildung bewaffneter Milizen im Gegensatz zum kapitalistischen Charakter der chinesischen Gesellschaftsformation. Wie die italienische kommunistische Linke im Exil damals behauptete, ging es ihr um die klassenmäßige und organisatorische Unabhängigkeit von der Bourgeoisie und um die Durchsetzung der Diktatur des Proletariats in China als Teil der Weltrevolution15.

Die kapitulierende und konterrevolutionäre Position der Dritten Internationale wird nicht nur in China, sondern international Gegentendenzen haben. Die Linke Opposition, die beginnt, sich mit Trotzki und zeitweise auch mit Kamenew und Sinowjew zu verbinden, stellt sich der selbstmörderischen und kriminellen Politik von Stalin und Bucharin entgegen. Sie gehen nicht so weit, dass sie für einen organisatorischen Bruch mit der KMT plädieren, aber sie verteidigen die Notwendigkeit der Unabhängigkeit der Politik der KPCh, die ihr eigenes proletarisches Programm in China verteidigen muss. Für Trotzki bedeutet dies die Entwicklung einer permanenten Revolution, die der chinesischen Revolution einen kommunistischen Charakter verleiht, auch wenn sie mit demokratischen und bourgeoisen Slogans gewürzt ist16. Diese sehr wichtigen Grenzen seiner Position können uns nicht über die radikalen Unterschiede zu Stalins Politik hinwegtäuschen. Für Trotzki ergibt sich das Element, das der chinesischen Bewegung Bedeutung verleiht, aus ihrem internationalen Charakter als Teil der Weltrevolution und aus den kommunistischen Zielen: Das heißt, die Revolution ist auf die Diktatur des Proletariats und die Enteignung der Bourgeoisie durch das kämpfende Proletariat gerichtet.

Sehr ähnliche Positionen werden, wenn auch zögerlich, von einigen KPCh-Führern vertreten. Li Dazhao zum Beispiel, neben Chen Duxiu der wichtigste Anführer jener Zeit, verband das chinesische und das britische Proletariat eindeutig als Teil desselben weltweiten Klassenkampfes. Chen Duxiu und der Rest der KPCh lehnten den Beitritt zur KMT zunächst ab, da dies zu Verwirrung führte und die proletarische Politik der KMT unterordnete. Die chinesische Führung beugte sich jedoch dem Druck und der Disziplin der Komintern, und die KPCh wurde so als Partei des Proletariats Teil des linken Flügels der nationalen Bourgeoisie. Li Dazhao gestand Peng Suzhi, dass sie die Arbeit von Nationalisten und nicht von Kommunisten machten, dass sie ihre Partei, die KPCh, im Austausch für die KMT aufgegeben hatten. Der Hintergrund der politischen und programmatischen Diskussionen ermöglicht uns ein besseres Verständnis der historischen Ereignisse, die André Malraux in seinen Romanen (Les Conquérants und So lebt der Mensch) verarbeitet hat. Am 30. Mai 1925 brach in Kanton und Hongkong ein Streik aus, aus dem der erste proletarische Sowjet in China hervorging, ein Streik, der durch die Ermordung von 10 Arbeitern durch die Polizei ausgelöst wurde. Ein Sowjet entsteht, wie wir sagen, mit bewaffneten proletarischen Milizen, die die Bewegung von Menschen und die Zirkulation von Waren kontrollieren, d.h. mit territorialer Kontrolle und Macht. Diese Logik der Klassenautonomie und der Verteidigung ihrer unmittelbaren und historischen Interessen als Proletarier wird durch die Unterordnung unter die KMT und ihr nationalistisches und bourgeoises Programm gebrochen.

Aber die Bedürfnisse des russischen Staates sind für Stalin und seine Politik von entscheidender Bedeutung. Er geht sogar so weit zu behaupten, dass die KMT die Herrschaft des Imperialismus im Osten beenden wird – als ob es möglich wäre, den Imperialismus zu beenden, ohne den Kapitalismus zu beenden. Stalin ist daran interessiert, einen politischen Verbündeten in China zu finden, um die geopolitischen und ökonomischen Interessen des russischen Staates zu verteidigen. So nimmt er in Kauf, dass die KPCh ihre Listen mit Militanten an die KMT aushändigt – was für die späteren Massaker von grundlegender Bedeutung sein wird. Die Revolution nimmt ihren eigenen Lauf aus der Klassenradikalisierung heraus, landlose Proletarier besetzen Land in Hubei und Hunan und organisieren bewaffnete Milizen. Doch das Zentrum der chinesischen Revolution liegt in Shanghai, wo 1927 Hunderttausende bewaffnete Arbeiter die Stadt kontrollieren. Am 21. März 1927, nach einem gescheiterten Versuch einen Monat zuvor, erobern 500.000 bis 800.000 Arbeiterinnen und Arbeiter die Stadt, bewaffnet mit Gewehren, Stöcken und Messern. Jiang Jieshi steht jedoch vor den Toren der Stadt und die bewaffneten Arbeiterinnen und Arbeiter, die von der KPCh beraten werden, halten ihn für einen Freund. Um 4 Uhr morgens am 11. April 1927 startete Jiang eine Militäroffensive gegen die Shanghaier Kommune, die zu einem brutalen Massaker an Proletariern führte. Von da an breitete sich die Repression wie ein Ölteppich aus. Unter dem Befehl von Jiang Jieshi, den die verbrecherische Politik von Stalin und Co. als Vizepräsidenten der Komintern vorgeschlagen hatte, werden mindestens 547.000 Arbeiter und Bauern ermordet17. Diese Katastrophe und das Scheitern der chinesischen Revolution sind einzig und allein auf die Politik der Kommunistischen Internationale zurückzuführen, auf ihre Idee einer Revolution in Etappen und national, einer Revolution, die isoliert und in rein nationalen Begriffen gedacht wird. Bei der Suche nach Bündnissen mit den nationalen Bourgeoisien, hinter denen sich in Wirklichkeit die imperialistischen Interessen des russischen Staates selbst verbergen. Das Studium der Vergangenheit und der chinesischen Revolution von 1927 muss uns dazu dienen, revolutionäre Lehren für die Gegenwart und die Zukunft zu ziehen. Und in dem Fall, der uns in diesem Text aufruft, dazu, den inhärent konterrevolutionären Charakter des Stalinismus von Anfang an zu verstehen.

Wir haben uns ausführlich mit dem chinesischen Fall befasst, weil er uns erlaubt, die ständigen Zickzackkurse der Politik der stalinistischen Komintern von nun an besser zu verstehen: Zickzackkurse, hinter denen sich, wenn wir an der Oberfläche kratzen, die geopolitischen Interessen des russischen Staates verbergen, der Versuch, einen Krieg mit den übrigen imperialistischen Mächten zu vermeiden, diplomatische und geopolitische Bündnisse zu schließen. Und zu diesem Zweck wird das Weltproletariat als Kanonenfutter benutzt.

So wurde auf dem Sechsten Kongress der Kommunistischen Internationale im Jahr 1928, der den Sozialismus in einem Land zur Pflichtaufgabe aller „kommunistischen“ Militanten machte, die Politik des Sozialfaschismus eingeleitet. Der Kapitalismus wäre nach der Stabilisierungsperiode von 1924 in eine dritte Periode eingetreten, die die revolutionären Wellen der Periode von 1918 wieder aufleben lassen würde, entweder aufgrund der Krise des Kapitalismus oder aufgrund der Radikalisierung des Proletariats. Die Verwirrung in den Reihen der Dritten Internationale ist angesichts der ständigen Schwankungen total. Sogar jemand, der so schlau und hinterhältig ist wie Togliatti, sagt in einem Brief zu sich selbst, dass er sich wünschte, Bordiga wäre anwesend, denn dann würde er ihnen wenigstens sagen, was los ist. Die Komintern war bereits ein Instrument der Konterrevolution in Aktion, voller nützlicher Idioten, die mit dem Machtapparat gefüttert wurden. Die Hauptlinie der Dritten Periode ist die des Sozialfaschismus, die Stalin mit seiner üblichen mittelmäßigen Klarheit zum Ausdruck bringt: „Die Sozialdemokratie ist objektiv der gemäßigte Flügel des Faschismus… sie sind Seelenverwandte“. Angesichts des neuen Zickzackkurses entstanden in den lokalen KPs neue Führungen – Togliatti gelang es mit seinem üblichen Geschick, sich zu retten -, die die neue Linie vertraten. Bullejos in Spanien zum Beispiel vertritt diese Linie, unter der Aufsicht und Kontrolle des Argentiniers Codovilla.

Die Position zum Sozialfaschismus ist eine theoretische Absurdität. Die Sozialdemokratie ist eine bourgeoise Strömung, aber sie ist weder Teil des Faschismus noch sein Seelenverwandter. In Wirklichkeit unterscheidet sich diese Position nicht so sehr von dem, was der Stalinismus später mit dem Antifaschismus machen wird. Er ist immer auf der Suche nach dem kleineren Übel, das er schlagen und besiegen kann. Zuerst wird es die Sozialdemokratie sein – die KPD wird so weit gehen, bei einer Volksabstimmung in Preußen gegen die Landesregierung von Otto Braun ein Bündnis mit den Nazis zu schließen – und dann der Faschismus mit der Politik der Volksfronten. Der Kampf gegen den Kapitalismus wird also nicht auf der Grundlage des Klassenkampfes organisiert, sondern ausschließlich gegen den „Sozialfaschismus“. Es ist nicht mehr die Bourgeoisie, die bekämpft wird, sondern nur noch einer ihrer Flügel, die Sozialdemokratie. Und das alles mit dem Ziel, eine „nationale Emanzipation“ durchzuführen, was die KPD zu einer Politik führte, die mit der der Nazis übereinstimmte, und das alles, um Deutschland einem Bündnis mit der UdSSR näher zu bringen18. Nach der Taktik des Sozialfaschismus kam eine neue Wendung. Es ist der Antifaschismus, die Politik der Volksfronten, der tödliche Feind ist jetzt der Faschismus. Es ist notwendig, sich mit den antifaschistischen nationalen Bourgeoisien zu verbünden. 1935 unterzeichnete Stalin ein Abkommen mit dem französischen Premierminister Pierre Laval. Damit billigt Stalin, und durch ihn die PCF, die französische Politik der Wiederbewaffnung und der nationalen Verteidigung. Geben wir Stalins Satrapen das Wort, damit sie die Bedeutung der neuen Politik verstehen, deren Ziel der Sozialismus in einem Land ist:

Heute bestimmen die Interessen der Verteidigung der UdSSR die grundsätzliche Linie des Weltproletariats im Angesicht des Krieges.19

Die Sowjetunion ist die Ursache des Weltproletariats, das Land, in dem der Sozialismus aufgebaut und verwirklicht wird, das sozialistische Vaterland aller Länder.20

Nur wenn wir diese Logik verstehen, die des Sozialismus in einem Land, können wir die ständigen Ausschläge der national-“kommunistischen“ Parteien und der Komintern verstehen. Was diesen Zickzackkursen einen Sinn gibt, sind die Interessen der UdSSR als kapitalistische Macht. Der letzte dieser Schlenker kam für viele Militante überraschend: der Molotow-Von Ribbentrop-Pakt, das Bündnis zwischen Stalins UdSSR und Hitler-Deutschland zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Auf diese Weise verteidigt die UdSSR ihre kapitalistischen und imperialistischen Interessen. Im Rahmen dieses Abkommens besetzt die UdSSR nach dem deutschen Einmarsch in Polen im September 1939 die baltischen Staaten und den östlichen Teil Polens. Das Einvernehmen zwischen den beiden Staaten wird durch gegenseitige „Geschenke“ hergestellt. Zum Beispiel übergibt Stalin 570 deutsche und österreichische Kommunisten an Hitler, ein verbrecherischer Pakt zwischen ebenso bourgeoisen Politikern21. Außerdem verhandelten die UdSSR und Nazi-Deutschland eine Zeit lang über die Ausweitung des Dreierpakts (Deutschland, Italien und Japan) auf die UdSSR. Schließlich werden die Verhandlungen durch Hitlers Einmarsch in die UdSSR im Juni 1941 abgebrochen und Stalins UdSSR wechselt im Zweiten Weltkrieg die imperialistische Seite. Wie wir sehen, ermöglicht nur ein Verständnis des imperialistischen Charakters der Politik des Sozialismus in einem einzelnen Land, die materiellen Wurzeln der stalinistischen Politik zu verstehen.

Die Grundlagen der Konterrevolution

Im letzten Abschnitt dieses Blocks möchten wir auf die programmatischen Beiträge zurückkommen, die die Gefährten der italienischen Linken im Exil in den 1930er Jahren geleistet haben. Wir sind der Meinung, dass sie grundlegende Beiträge zum Verständnis der stalinistischen Konterrevolution geleistet haben und uns darüber hinaus auf zukünftige Klassenkonfrontationen vorbereiten, die uns mit ähnlichen Schwierigkeiten konfrontieren werden wie die revolutionäre Welle von 1917-1921. Nicht zufällig lautete der Name der von diesen Gefährten herausgegebenen Zeitschrift BILAN, französisch für „Bilanz“, eine programmatische Bilanz der Revolution und Konterrevolution, immer mit der Perspektive des Kampfes für den Kommunismus und der Notwendigkeit, strategisch und theoretisch tiefer in die praktischen Probleme einzusteigen, was eine grundlegende methodische Lektion als Kommunisten ist.

Der erste Text, auf den wir uns beziehen wollen, ist der von Mitchell, einem belgischen Gefährten, Über die Probleme der Übergangszeit22. Mitchell untersucht die ökonomischen Probleme während der Diktatur des Proletariats anhand des russischen Beispiels. Grundlegend an diesem Text ist, wie er erkennt, dass die Ökonomie in einer solchen politischen Periode zwangsläufig kapitalistisch bleibt und dass eine kommunistische Gesellschaft – schon auf ihrer unteren Stufe – die Negierung von Geld, Waren und Wert als Maß für den gesellschaftlichen Reichtum impliziert. Dabei polemisiert er mit einem wichtigen Text aus der gleichen Zeit: Jan Appels und Henrik Canne-Meyers Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung. Darin versuchen die Rätekommunisten, sich ideell von den konkreten Problemen der Übergangszeit zum Kommunismus zu trennen. Sie erkennen die Existenz von Markt und Geld an, leiten daraus aber nicht die